predigt am 2. sonntag nach epiphanias

„Gott schenke uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für das Herz.“  Amen.

Evangelische Gemeinde
Deutscher Sprache
in Jakarta



Jalan Nusa Indah Blok J 1 - No.17

Puspita Loka III - 2

15321 Tangerang / BSD

Pfarrerin Jutta Seifert

Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.  Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird,  und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume; dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie verunreinigt werden; dass nicht jemand sei ein Hurer oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen sein Erstgeburtsrecht verkaufte. Ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte. 

Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zur Festversammlung und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut. Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet. 

Brief an die Hebräer Kapitel 12, die Verse 12 – 18 und 22 – 25


Liebe Geschwister in Christus,

Unternehmensberater und Personaltrainer haben von den Propheten und biblischen Schriftstellern gelernt. Sehnsuchtsbilder und Visionen setzen Energien frei.


So macht es auch der Verfasser des Hebräerbriefes.

Wir wissen nicht, wer das war, auf jeden Fall eine hochgebildete Person. Das erkennt man daran, dass sie im ganzen Neuen Testament das beste Griechisch schreibt. Außerdem kannte sie sich hervorragend im Glauben und in der Bilderwelt des alten Israels aus. Und besorgt ist sie wegen der christusgläubigen Jüdinnen und Juden, in deren Gemeinden sich Ermüdungserscheinungen zeigten. Es war ja auch frustrierend, 40 oder 50 Jahre, nachdem Jesus Christus zu seinem himmlischen Vater gegangen war, auf sein sichtbares Kommen zu warten – und gleichzeitig für diesen Glauben heftige Verfolgungen auf sich zu nehmen. Viele mögen sich gefragt haben, ob es nicht klüger sei, zu den jüdischen Gemeinden zurückzukehren. Immerhin war die jüdische Religion offiziell vom Staat geschützt als religio licita (wegen des Sabbatgebots) – anders als die christlichen Gemeinden. 

 

Aber wie so oft, wenn Sorgen uns umtreiben, so greift auch der Verfasser des Hebräerbriefes automatisch zu Aufforderungen, zu Imperativen, zu Ermahnungen.

Wir kennen das: Kinder, Ehemänner, Schwiegertöchter oder Schülerinnen oder … alle, die uns eben besonders am Herzen liegen und um die wir uns sorgen, bekommen die volle Breitseite an Imperativen zu hören.

Iss doch lieber mehr Gemüse als Fleisch! Ruf mich gleich kurz an, wenn du angekommen bist! Mach jetzt gleich deine Hausaufgaben! Geh endlich zum Arzt und lass dich durchchecken! Mach mal eine Pause - du weißt ja, ich meine es nur gut! Mehr Bewegung tut dir nur gut!

Man könnte meinen: Je mehr Aufforderungen jemand von uns anhören muss, desto inniger lieben wir sie oder ihn.

 

Wohl aus demselben Grund beginnt unser Predigttext mit Aufforderungen: „Stärkt“, „macht“, „jagt“, „seht darauf“, „seid nicht abtrünnig oder gottlos“, und „ihr wisst ja“. Dabei blättert sich der Verfasser durch die Seiten der alten heiligen Schriften: Alte Gesetze werden in Erinnerung gerufen, die Psalmen werden zitiert, Esau als Schreckgespenst an die Wand gemalt. Den christusgläubigen Juden werden die Ohren geklingelt haben. So viele Erinnerungen! Aber wie es mit Aufforderungen nun einmal ist: Sie bewirken oft das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen.

Mach es bloß nicht wie Esau! - Werde bloß nicht so wie der oder die!

Negative Bilder entfalten eine negative Wirkung.  Wie ein Unkraut, eine bittere Wurzel, pflanzt das Negative sich fort und verdrängt alles andere aus dem Blickfeld.


Sich nicht „nach unten ziehen lassen“ durch wenige Gemeindeglieder, durch misslungene Projekte, durch abnehmende Finanzkraft und gesellschaftliche Anerkennung, sondern den Blick richten auf den, der unserer Seele Kraft gibt.

Der Briefeschreiber, der seine Gemeindemitglieder liebt, ist auch ein kluger Mensch. Er besinnt sich und tut, was die Propheten taten, was Jesus mit der Fülle an Wein tat, er erinnert an die große Vision, wie an ein großes Freudenfest an einem wunderschönen Ort.

Wenn du eine Gemeinde bauen willst,

so trommle nicht Leute zusammen,
um Sitzungen zu halten, Aufgaben zu vergeben, Strukturen zu entwerfen
und Gottesdienst und Gruppen zu bestücken,
sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem ewigen Vaterhaus, das am Ende unseres Weges auf uns wartet. 

Ein Listenplatz für das Ziel
Ein visionäres Bild wird entworfen: Es gibt für euch einen Ort, wo ihr gut leben könnt, genannt das himmlische Jerusalem. Eure Vorbilder sind schon dort, die Gerechten unter den Völkern. Diejenigen, unter denen ihr zu leiden habt, werden keinen Zugang zu diesem Ort bekommen. Gewalt und Blutvergießen wie damals bei Kain und Abel wird es nicht mehr geben. Das einzige Blut, von dem noch die Rede sein wird, ist das Blut, das Jesus am Kreuz hingab. Den lebendigen Christus werdet ihr dort sehen von Angesicht zu Angesicht.


Wie konnten die Angeschriebenen sicher sein, ein Lebensrecht auf diesen Sehnsuchtsort zu bekommen? Nicht Bonusmeilen und Belohnungssysteme für einen besonders treu besuchten Urlaubsort gelten hier, sondern Listenplätze.

Eine alte biblische Vorstellung fließt hier mit ein: Die Namen der Gerechten sind im Himmel aufgeschrieben, im Buch des Lebens.

Namen werden gesammelt, auf Mitgliederlisten, in Kundenkarteien, ... Wir kennen das ja. Was tut man nicht alles, um auf diverse Listen für Einladungen zu kommen, z.B. zum Einheitstagfeier der Botschaft. Oder: Auf diverse Listen nicht zu kommen, z.B. für Werbenewsletter.

Wenn wir Menschen taufen, dann werden ihre Namen genannt und aufgeschrieben. Taufe, das bedeutet, von Gott beim Namen gerufen zu sein, mit der Hingabe Jesu verbunden zu werden und ins Buch des Lebens eingeschrieben zu sein.

Eine der berühmtesten Listen, die sich lebensrettend auswirkte, hängt in Yad Wa Schem in Jerusalem. Dort wird die ganze Geschichte der Verfolgung und Vernichtung europäischer Juden gezeigt. Wenn ich durch dieses Gelände und die über zwanzig Säle gehe, überkommt mich als Deutsche jedesmal eine tiefe Bedrückung.  Am Ende des Elends, am Ende grauenvoller Dokumente und Ausstellungsstücke, werden auch Zeugnisse von Mitgefühl und Liebe gezeigt – von den Gerechten unter den Völkern. In einer Vitrine hängt ein schlichtes, mit Schreibmaschine getipptes Papier. Auf ihm sind die ca. 1.200 Arbeiter und Arbeiterinnen aufgelistet, die 1944 von einer Emaillefabrik in Krakau nach Brünnlitz umzogen. Ihre Arbeit war als kriegswichtig eingestuft worden. Damit waren sie der Reichweite des KZs entkommen. Unterschrieben ist die Liste von dem deutschen Unternehmer Oskar Schindler.

Brünnlitz war keine glänzende Stadt wie unsere Urlaubsziele, erst recht nicht wie das ewige Jerusalem. Aber die Aussicht, auf dieser Liste zu stehen, änderte alles für die Betroffenen. Diese Liste war ihre Rettung.

Einen Platz im Himmel zu haben, ändert auch alles. So ähnlich wie Schindlers Liste hat sich das wohl für die ersten Christen angefühlt. Der Verfasser des Hebräerbriefes erinnert sie daran: Das ist eure Vision, darauf schaut als das große gemeinsame Ziel. Gottes Zuneigung gilt euch, sein Segen. Darum stärkt die müden Knie und Hände, haltet euch aneinander fest und ermutigt euch als Gemeinde, um geradewegs auf das wunderbare Ziel zuzulaufen. Eure Namen stehen schon auf der Liste. Ihr seid gerettet.

Amen.​